Was habe ich mit Walther von der Vogelweide zu tun?!

Praxisbericht von Kathrin Bialas

Gedichte und insbesondere deren scheinbar nutzlose Interpretation sind oftmals das Hassthema meiner Schüler. Nichtsdestotrotz steht im Kerncurriculum für meine elfte Klasse am Beruflichen Gymnasium Technik der verbindliche Unterrichtsinhalt „Motivverwandte Gedichte aus verschiedenen Epochen analysieren und interpretieren“. Inspiriert vom medialen Input der Fortbildungsreihe n-report digital habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich meinen überwiegend männlichen und technik-affinen Schülern Lyrik multimedial näherbringen kann.

Mediale Alternative zum „traditionellen“ Modell der Gedichtinterpretation

Neben Filmbeiträgen zu Gedichten oder passenden Fotostrecken können insbesondere Audiobeiträge die Stimmung dieser Texte gut vermitteln und bieten Raum für eine dialogische Auseinandersetzung. So hat also auch der, nennen wir es „kritische“ (also gedichtehassende), Schüler die Möglichkeit, zu Wort zu kommen, wobei wiederum andere Schüler den Part des Verteidigers oder gar Befürworters einnehmen können. Bestenfalls entstehen eine facettenreiche, multiperspektivische Reflexion und Interpretation eines Textes, die eine mediale Alternative zum „traditionellen“ Modell der Gedichtinterpretation bietet.
In einem Podcast sollen sich also mindestens vier Schüler nach betonter Lesung des Gedichts dialogisch innovativ und kreativ u.a. mit folgenden Fragen auseinandersetzen:

  • Welche Relevanz hat der Text für mich?
  • Inwiefern ist er heute aktuell?
  • Welche Gefühle/Stimmung/Atmosphäre löst er aus?
  • Gibt es unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten?
  • Welche Hintergrundinformationen sind für den Zuhörer wichtig?

Die Lerngruppe ist meine „eigene“ elfte Klasse aus dem Beruflichen Gymnasium. Die Schüler kamen im August 2020 neu an unsere Schule und bildeten durch die von uns organisierten Einführungstage und durch den Unterricht im Klassenverbund eine gute Klassengemeinschaft aus, weshalb sie sich besonders gut für ein Medienprojekt eignen.
Zudem sind sie neuen Medien gegenüber aufgeschlossen und bringen von den verschiedenen „Herkunftsschulen“ viele unterschiedliche eigene Ideen mit. In der Einführungsphase sind wir etwas freier in der Unterrichtsgestaltung als in der durch zahlreiche Pflicht- und abiturrelevante Wahlpflichtmodule geprägten Oberstufe, was die Umsetzung eines umfangreicheren, prozessualen Medienprojekts erleichtert.

Podcast zum Thema „Lyrik im Kontext der Zeit“

Nun geht‘s los. Die Idee, einen Podcast zum Thema „Lyrik im Kontext der Zeit“ mit mehreren Episoden zu erstellen, trifft auf positive Resonanz. Insbesondere weil Produktion und Ergebnis als Klausurersatzleis-tung benotet werden und die Schüler auf eine schriftliche Gedichtinterpretation verzichten dürfen.
Die Schüler finden sich schnell in Gruppen mit vier bis fünf Mitgliedern zusammen und suchen sich selbst-ständig ein Gedicht zu der von ihnen gewählten Epoche heraus. Vertreten sind später die Epochen Mittelalter, Aufklärung, Romantik und Gegenwartsliteratur. In den Gruppen kann insofern differenziert und individualisiert werden, als dass sich jeder Schüler eine Tätigkeit passend zu den eigenen Wünschen, Kenntnissen und Stärken zuteilen kann. Manch einer liest gern betont vor, ein anderer kritisiert gern den Zweck und Nutzen von Literatur, den wiederrum ein Schüler argumentativ verteidigt und ein weiterer tratscht gern hörerzugewandt und mit einem hohen Unterhaltungswert. Ganz nebenbei befassen sich die Schüler dennoch mit der jeweiligen Epoche, dem Gedichtinhalt sowie den Interpretationsmöglichkeiten.

Aufnahmen, Schnitt und Audiobearbeitung

Hinzu kommen insbesondere an unserer Schulform die technik-affinen Schüler, die sich gern mit dem Schnitt und der Audiobearbeitung auseinandersetzen. In Corona-Zeiten, in denen der Unterricht zeitwei-se in Szenario B und schließlich als Distanzunterricht stattfinden muss, ein enormer Vorteil, sodass die Schüler sehr gut digital zusammenarbeiten und ihre technische Bearbeitung Zuhause durchführen kön-nen. 

Professionell ausgestatteter Schülerarbeitsplatz im Distanzunterricht,
Foto: Alexander Loebel
Audioaufnahmen im Kleiderschrank,
Foto: Joyline Haupt


Dies wird insbesondere durch die praxisnahen Tipps unterstützt, die ich den Schülern aus der n-report-Fortbildung zum Thema „Audio-Podcasting“ in Zusammenarbeit mit Heise-Medien weitergeben kann. So sitzen die Schüler beispielsweise Zuhause im improvisierten Tonstudio, ihrem möglichst vollgestopften Kleiderschrank, da dort die Dämmung am besten ist und Störgeräusche weitestgehend ausgeschlossen werden können (Foto 2). Das Smartphone mit Audiorecorder halten sie dabei wie ein Toastbrot kon-zentriert waagerecht vor sich, um die optimale Klangqualität zu erreichen.
Zudem sind die schülergerecht aufgearbeiteten Materialien des multimediamobils Südost sowie die kurzfristig einberufene Online-Fortbildung des Schul-Internetradios n-21 mit Frau Deseke in Bezug auf die Arbeit mit Audacity sehr hilfreich. Darüber hinaus bietet n-21 eine tolle Plattform, um die eigenen Podcasts kostenlos und unter vorheriger Prüfung zu veröffentlichen.
Um einen einheitlichen Auftritt unserer Schule online zu gewährleisten, wird vor die Schülerpodcast-Episoden ein schuleigener Jingle geschnitten; eine Schülergruppe kreiert zudem – einfach, weil es ihnen Spaß macht und das ist toll zu sehen – noch einen eigenen Jingle.
Insgesamt entstehen vier ganz unterschiedliche Episoden, in denen sich Schüler in einem ihnen bekann-ten und bevorzugten Medium kritisch und unterhaltsam mit Texten verschiedener Epochen auseinander-setzen.

„Walther“ ist also auch heute noch aktuell

Natürlich gibt es auch – wie in einer schriftlichen Gedichtinterpretation – Stolpersteine, die man im Podcast erst beim Hören bemerkt. Beispielsweise liegen kleinere fachliche Fehler vor, wenn von „Zeile“ statt „Vers“ gesprochen wird, das „lyrische Ich“ als „Erzähler“ betitelt wird oder Schüler „für“ oder „gegen“ ein Gedicht sind. Auch muss man als Lehrer damit leben, dass ein Schüler zielgruppengerecht formu-liert, dass er das Gedicht ‚Unter den Linden‘ von Walther von der Vogelweide (von den Schülern kumpelhaft „Walther“ genannt) „relativ kacke“ finde oder es ihm „das Gefühl von Langeweile oder Angenervtheit“ gebe. Ein Lichtblick jedoch, wenn der Gegenpart von „Schmetterlingen im Bauch“ spricht und es sogar schafft, aus dem Mittelalter die Verbindung zu den sozialen Medien herzustellen, in denen es (auch) oft um „alte Sprüche oder Zitate rund um die Liebe“ gehe und die Aktualität des Themas betont.
Letztendlich muss man sich fragen: Was ist mehr wert – wenn die Schüler sich in der schwierigen Corona-Zeit gemeinsam motiviert und medial mit literarischen Texten auseinandersetzen oder wenn sie einzeln krampfhaft versuchen schriftliche Formfehler zu verhindern?
„Walther“ ist also auch heute noch aktuell, man muss ihn nur mal (wieder) hören.

Anmerkung: Zur Vereinfachung und Verkürzung wurde in diesem Beitrag auf die Nennung der geschlechtsspezifischen Form verzichtet.


Zur Person:
Kathrin Bialas unterrichtet Deutsch, Geschichte und Politik an der BBS 2 in Wolfsburg. Sie ist Teamleiterin für das Fach Deutsch und organisiert den jährlichen schulinternen Poetry Slam.

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Letzte Änderung: 22.09.2021

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