Langweilige Kommunalpolitik? – Von wegen!

Praxisbericht von Maria Lutz

Marie-Curie-Schule Ronnenberg, Jahrgang 10

„Also, welche Aspekte fallen euch denn zur Kommunalpolitik ein?“, frage ich die Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse. Schweigen tönt mir aus den Lautsprechern der Zehntklässler entgegen, wir befinden uns noch im Homeschooling. Das geht ja gut los. Andererseits zeigt es mir, wie wichtig es ist, das Thema (noch einmal) im Politikunterricht aufzugreifen. Denn, da mache ich mir keine Illusionen: Natürlich wird die Politik auf Gemeindeebene als Teil der „Politischer Entscheidungsprozesse im Nahbereich“ bereits in Jahrgang 8 ausführlich beleuchtet. Aber viel hängen bleibt da nicht, wie mir diese Situation wieder zeigt. Wohl auch, weil sich die Bedeutung der Kommunalpolitik für das persönliche Leben offensichtlich nicht so nachhaltig in das Gedächtnis der Lernenden eingebrannt hat. Da kann der Unterricht noch so problemorientiert sein.
Umso wichtiger ist es, jetzt nochmals darüber zu sprechen. Denn: Die Schülerinnen und Schüler des zehnten Jahrgangs dürfen im Herbst zum ersten Mal bei den Kommunalwahlen ihre Stimmen ab-geben. Wenn sie nicht wissen, wofür und warum, dann ist kaum damit zu rechnen, dass sie von dieser Premiere Gebrauch machen.
So jedenfalls meine Ausgangsidee, als ich kurzentschlossen das eigentliche Thema Europäische Union zur Seite lege und der Klasse die Projektidee vorstelle.
Meine Grundidee war simpel: Die Jugendlichen arbeiten in Kleingruppen an einem Aspekt zum Thema Kommunalpolitik und Kommunalwahlen. Ziel ist es, ein digitales Produkt zu erstellen, das am Ende auch der (Schul-)Öffentlichkeit über zur Verfügung gestellt werden kann. So profitieren dann im besten Fall noch mehr potenzielle Erstwählerinnen und Erstwähler von dem Projekt.
Meine Beweggründe waren nicht nur rein ideeller Natur, sondern auch ganz pragmatisch: Alle waren genervt vom Homeschooling. Politikunterricht, der von Diskurs und Aktualität lebt, ließ sich über die Distanz kaum spannend gestalten. Da kommt solch ein digitales Projekt gerade recht, um den Jugendlichen einen eigenständigen Umgang mit Politik zu ermöglichen.
Nach dem zähen Anfang gelang es uns doch, die verschiedenen Themenbereiche zu identifizieren:

  • Organisation und rechtliche Rahmenbedingungen der Kommunalwahl
  • Die Aufgaben eines Gemeinderates
  • Vorstellung der verschiedenen Wahlprogramme
  • Die diesjährigen Spitzenkandidaten der Parteien

Mein Balanceakt bestand darin, den Schülerinnen und Schülern nicht zu enge Vorgaben zu machen, schließlich sollten sie ja entscheiden, was wichtig ist. Gleichzeitig wollte ich natürlich eine möglichst umfassende Darstellung der Kommunalpolitik.
In der Kleingruppenarbeit stellte sich dann schnell der Effekt ein, den ich an der Projektarbeit so schätze: Die Schülerinnen und Schüler begannen, sich ihrem Themenbereich anzunähern, legten selbstständig Schwerpunkte fest und entwickelten Ideen, wie sie das Thema am Ende präsentieren wollen. Meine Aufgabe bestand lediglich darin, zwischen den Gruppenräumen zu wechseln, Tipps zu geben und bei Entscheidungen zu helfen. Endlich mal eine Homeschooling-Situation, die mich zufriedenstellte.
Schnell waren verschiedene Ideen ausformuliert, wie die einzelnen Themen am Ende präsentiert werden sollten. Das Spektrum reichte vom klassischen Interview über Video, Podcast bis hin zu einer kompletten Internetseite. Und ich war (nicht zum ersten Mal) überrascht, wie viele Fertigkeiten eigentlich bei den Jugendlichen schlummern, die viel zu selten im Unterrichtsalltag Anwendung finden.
Etwas mehr Hilfe war bei der Eingrenzung und Abgrenzung der einzelnen Themenblöcke gefragt. So galt es in den nächsten Wochen, zwei große Aufgaben parallel zu stemmen.
Zum einen die inhaltliche Seite: Die Schülerinnen und Schüler müssen ihr jeweiliges Themengebiet fachlich korrekt und gleichzeitig verständlich darstellen. Das setzt voraus, dass sie sich ihre Themen zunächst selbst erschließen, also selbstständig recherchieren und verstehen. Und das war oft gar nicht so einfach. Denn: Kommunalpolitik ist oft in einer ganz eigenen Sprache abgefasst, dem Verwaltungsdeutsch. Es wimmelt nur so von juristischen Bandwurmsätzen und Fachbegriffen.
Trotz der bereits erworbenen Fachkonzepte brauchten die Schülerinnen und Schüler hier einen langen Atem und Unterstützung durch mich als Lehrkraft.
Zum anderen die Präsentation: Die Umsetzung des digitalen Produktes. Hier war die Organisation innerhalb der Gruppe genauso wichtig wie die technischen Fertigkeiten bei der Erstellung des jeweiligen Produktes.
Die Schülerinnen und Schüler brachten hier zwei Dinge mit, die entscheidend waren: Motivation und Mut. Erstere kam sicherlich daher, dass sie selbst entschieden hatten, welches Produkt am Ende der Projektarbeit stehen sollte. Dabei waren sie so mutig, sich auch mit journalistischen Fer-tigkeiten auseinanderzusetzen, die sie bisher nicht selbst erprobt hatten, wie beispielsweise die Erstellung eines Podcast.
Meine Befürchtung, dass ich am Ende die Gruppen antreiben müsste, im schlimmsten Falle noch Treffen organisieren muss, damit die Produkte fertig werden, bewahrheitete sich nicht. Ich blieb vor allem in der Rolle der inhaltlichen Beraterin: Themen eingrenzen, Fachbegriffe klären und vor inhaltlicher Überladung warnen.
Die Organisation innerhalb ihrer Gruppen nahmen die Jugendlichen beeindruckend selbstständig in die Hand: Trotz des Distanzlernens kommunizierten sie verbindlich, verteilten Aufgaben unterei-nander und organisierten selbstständig Treffen.
Der Nachteil dabei: Die Produktionsseite der Projektarbeit entzog sich zu einem großen Teil meiner Kontrolle und Überprüfung, wodurch ich kaum korrigierend eingreifen konnte.
Eine weitere Problematik, mit der ich nicht gerechnet hatte: Die Kontaktaufnahme mit den Fraktionen im Stadtrat. Der Rücklauf zu den Anfragen der Schülerinnen und Schüler war spärlich oder blieb ganz aus. Hier war auch ich ratlos. Wie sollen junge Menschen für Politik begeistert werden, wenn es noch nicht einmal gelingt, auf Anfragen zu antworten?
Insbesondere die Gruppe, die sich mit den Wahlprogrammen der einzelnen Parteien auseinandersetzte, wurde in ihrer Arbeit stark ausgebremst. Am Ende schafften es genau zwei Parteien, den Fragen der Schülerinnen und Schüler Rede und Antwort zu stehen.
Am Ende der Projektarbeit stehen nun Ergebnisse, die die ganze Bandbreite journalistischer Arbeit abdecken: von einer informierenden Homepage über einen Podcast mit eingebauten Interviews bis hin zu einem recht klamauklastigen Video, bei dem zumindest die beteiligten Schülerinnen und Schüler ihren Spaß hatten.
Am wichtigsten für die Jugendlichen und für mich ist, dass das Thema Kommunalpolitik nun nicht mehr mit großen Fragezeichen behaftet ist. Die Schülerinnen und Schüler sind eigenen Fragen nachgegangen und haben sich dabei der Politik angenähert, die in ihrem direkten Umfeld passiert. Motiviert hat sie dabei das selbstständige Ausprobieren von journalistischen Techniken.
Mit klassischen Unterrichtsformaten wäre die Kommunalpolitik sicher nicht so umfassend und nachhaltig bei den Jugendlichen angekommen, wie durch diese Projektarbeit.


Zur Person

Maria Lutz unterrichtet an der Marie-Curie-Schule in Ronnenberg die Fächer Politik-Wirtschaft, Deutsch und Deutsch als Zweitsprache. Sie leitet zusammen mit einem Kollegen den Schülerblog „Marie Curier“, den es seit dem Jahr 2018 gibt.

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Letzte Änderung: 17.10.2021

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