Medien als Elemente interkulturellen Lernens

Medien sind heute unverzichtbare Bestandteile eines umfassenden Kommunikationsverhältnisses geworden, sowohl zwischen einzelnen Individuen als auch gesamtgesellschaftlich. Ohne Medien würde unsere Gesellschaft nicht "funktionieren", ohne mediale Informationen würden wir sogar nahezu handlungsunfähig. Medien bieten uns eine Orientierung in der durch sie selbst hervorgebrachten "Flut" von Informationen. Sie interpretieren Sachverhalte, Ereignisse und Zusammenhänge und prägen so unser Bild von Welt entscheidend mit. Über die Medien drücken aber Menschen auch ihre Gefühle, Einstellungen, Konzepte, ihre Kreativität aus - wie durch andere Künste auch. Medien sind also kein monolithisches, gefährliches Monstrum, sondern ein differenziert zu betrachtendes Spektrum von Chancen, Notwendigkeiten und auch Gefahren. Medienpädagogik als ein Teilbereich der Kommunikationspädagogik befasst sich in diesem Sinne mit dem gesamten Spektrum der medienvermittelten Kommunikation von Menschen in unserer Gesellschaft, mit deren Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Ziel ist dabei die Kultivierung unserer Medienkompetenz als Bestandteil der Allgemeinbildung. Eine zur Kommunikationspädagogik erweiterte Medienpädagogik ist nicht nur eine Herausforderung an die Schule, sondern bietet auch die Chance, Schule für die Lebenswelt von Kindern zu öffnen. Dieser medienpädagogische Ansatz korrespondiert mit einem modernen Verständnis von Lernen: das formale Lernen wird durch kommunikatives Lernen - auch mit Medien - abgelöst.

Interkulturelles Lernen - was ist das?

"Bildung soll uns dazu verhelfen, uns einerseits von den autoritären Zwängen zu befreien, andererseits Verantwortung für andere zu übernehmen. Das Ziel von Bildung ist, Menschen darauf vorzubereiten, verantwortlich zu handeln. (...) " (Datta, Asit: Einführungsreferat auf dem Nord-Süd-Forum in Hannover im September 1992)

Lernen, Probleme zu lösen, ist die nächstliegende Aufgabe der Bildung. Eine "gebildete" Person sollte in der Lage sein, ein ihr gestelltes Problem schrittweise zu lösen. Dieses Problem kann individuell, interpersonell, lokal, gesellschaftlich oder global sein. Probleme zu lösen heißt aber auch, die Probleme überhaupt erst einmal anzugehen, heißt also letztlich: Lernen ist Handlungslernen, und so versteht sich auch die Gemeinsamkeit von Kommunikationslernen und interkulturellem Lernen. Wesentlicher Bestandteil des Handlungslernens ist das praktische Tun, jedoch ist Praxis ohne Reflexion perspektiv- los. Hier schließt sich der Kreis: Zur Reflexion gehört auch Wissen, aber nicht als Mittelpunkt des Lernens. Lernen ist nicht mehr sach-, sondern vielmehr erfahrungs- und praxisorientiert.

Gerade bei Kindern muss dabei die Gefühlswelt mit einbezogen werden. Kinder brauchen Geschichten, Personen. Das bedeutet nicht die Rückkehr zu einer reinen gefühlsbetonten Erzählpädagogik ohne Rationalität und aufklärerische Absicht. Aber Aufklärung funktioniert nur dort, wo Pädagoginnen und Pädagogen ihre Adressaten erreichen. Sie müssen sich zunehmend Gedanken darüber machen, wie sie Zugänge zu dem vermitteln, was sie "aufklären" möchten.

Drei Dimensionen prägen das interkulturelle Lernen:

  1. Interkulturelle Kommunikation und Fremdverstehen, also die Dimension des Fremdsprachenlernens als Verstehensprozess im Rahmen der internationalen Verständigung.
  2. Der Prozess des Verstehens und Tolerierens von Fremdkulturen in verschiedenen Erkenntnisstadien, vom Ethnozentrismus über Aufmerksamkeit, historisch-politisches und auch subjektives Verständnis, Akzeptieren und Respektieren, Bewerten und Beurteilen, die selektive Aneignung hin zur Assimilation/ Akkulturation, zur Adaption/Anpassung, zum Bikulturalismus oder auch Multikulturalismus.
  3. Das Partnerschaftslernen, d. h. nicht "Mini-Entwicklungshilfe" oder gelegentliche, caritativ orientierte Hilfsaktionen, sondern ein auf Kontinuität angelegter Prozess gegenseitigen Austauschs von Informationen und Kontakten.

Unterhalb dieser Dimensionen werden die drei Lernfelder

  • Leben in der europäischen Gemeinschaft
  • Leben in der multikulturellen Gesellschaft
  • Leben in der einen Welt

definiert. (Vgl. Jos Schnurer: Interkulturelles Lernen: eine Lernaufgabe für Schule und Lehrerfortbildung. In: Schulverwaltung 4/92, Ausgabe Niedersachsen )

In allen drei Dimensionen und Lernfeldern können die Medien sicherlich "Hilfe" sein. Sie dürfen aber nicht - verengend auf die Sachebene - als reine Informationsvermittler dienen, sondern müssen zum Kommunikationsbestandteil werden. Hier greift wieder das Verständnis von Medienpädagogik als ganzheitlicher Ansatz.

Wo können Medien Hilfe sein?

Medien können Anlass und Mittel für allgemeinpädagogisches Handeln sein. So sind sie

Anlass und Mittel für praktisches Handeln:

Es gibt Ansätze - in Kunstschulen oder der freien pädagogischen Arbeit erprobt -, über malerische und plastische Übungen oder über Spiele zu versuchen, innere Zustände, bewusste und unbewusste, an die Oberfläche zu bringen und damit kommunizierbar zu machen. Medien können - wenn man sie praktisch und kreativ nutzt - die Palette pädagogischer Arbeitsmöglichkeiten in diesem Feld sinnvoll erweitern, z. B. durch Fotocollagen, Videoexperimente oder Hörspiele...

Dabei wird eine Zusammenarbeit möglich, die der Sprache weniger bedarf, die nicht zwangsläufig darauf aufbaut, dass die Schüler/innen über formales Wissen verfügen. Ob wir Ausländer oder Inländer sind, Fremde oder Einheimische, wir können uns und die anderen durch diese Arbeit besser kennen- und verstehenlernen. Wir bringen das jeweils "Fremde" ins Bild und kommen dadurch auch auf unser Gemeinsames. Medien sind aber auch

Anlass und Mittel, miteinander ins Gespräch zu kommen

Jede/r von uns, auch ein Kind, hat Bilder im Kopf, Bilder vom anderen, vom Fremden. Solange diese Bilder unbewusst bleiben oder nicht geäußert werden, sind sie weder kommunizierbar noch gegebenenfalls veränderbar. Medien können ermöglichen, über "Bilder", damit vielleicht auch über wiedererkannte eigene Bilder ins Gespräch zu kommen, ohne dass man sich selbstentäußern muss, man spricht ja "nur" über das Medienbild.

Lernen von Medien - Lernen mit Medien

Gegenseitiges Verstehen, Toleranz und Kommunikation untereinander - dies fordert Neugier, Offenheit, Verantwortungsbewusstsein und Kompetenz.

"Die monokulturelle Gesellschaft ist eine Fiktion. Sesshaftigkeit ist der eine Pol menschlicher Existenz. Der zweite ist Wanderschaft." Guido Schmitt: Mono- oder multikulturelle Gesellschaft. In: geographie heute, 107/93, S.35. Friedrich Verlag, Velber

Unser Alltag, unser ganzes Leben ist geprägt von kulturellem Austausch: Schrift, Zahlen, Mathematik, das physikalische Weltbild, die Philosophie, das politische System, Musik, Esskultur - ist all dies nur autochton, an Ort und Stelle - entstanden? Blickt man zurück in die Geschichte, erkennt man dies als völligen Unsinn: Die europäischen Stadtkulturen, insbesondere der Antike und des Mittelalters, hätte es ohne den Zuzug fremder Menschen und ohne weiträumigen Warenverkehr und Kulturaustausch nicht gegeben. Die Ausbeutung der anderen Kontinente ermöglichte erst die Industrialisierung in Europa, die Entstehung der heute bekannten sog. Nationalstaaten. Diese von (fremden!) Menschen geschaffenen künstlichen Gebilde, die Territorialstaaten, schafften zwangsläufig auch immer neue Minderheiten. Mit ihren Grenzen grenzen sie ein und aus. Aber hat der Ostfriese nicht vielmehr Gemeinsamkeiten mit dem Niederländer von nebenan als mit dem Bayern?

Bei Fremdheit handelt es sich um eine existenzielle Grunderfahrung. Ohne die Erfahrungen des anderen, Fremden kann kein Begriff vom Ich, vom Eigenen existieren.

- Medien - Fremdheit erfahren lassen, ohne dass sie Angst auslöst.

Die Begegnung mit dem Fremden/ dem fremden Blick über Medien erfolgt in einem "Schonraum". Da man nicht handeln muss, eröffnen sich Spielräume, mit den eigenen Gefühlen und Reaktionen zu experimentieren.

- Medien nutzen, Ängste kommunizierbar zu machen.

Ängste werden u. a. dadurch ausgelöst, dass das "Fremde" als Bedrohung empfunden wird. "Wollen wir uns unserer eigenen Ruhelosigkeit nicht stellen? Verunsichern uns die Flüchtlinge, weil sie nicht in unser festes Ordnungsgefüge passen? Sind sie ein Angriff auf unsere vermeintliche Gewissheit? Stellen sie dadurch, dass sie aus anderen Ländern, aus anderen Kulturen kommen, unsere eigenen Lebenskategorien zu stark in Frage, unsere gesellschaftlichen und individuellen Werte?" (Winkler, Beate: Zukunftsangst Einwanderung, S.81. München 1992) Bedroht fühlen kann sich also nur jemand, die/ der sich in einer unsicheren Lebenslage befindet und/ oder selbst unsicher ist. An der Lebenslage von Kindern kann Schule nichts ändern, wohl aber dabei helfen, dass sie Selbstbewusstsein entwickeln, eigene Wertemuster aufbauen und damit Unsicherheit überwinden.

- Medien nutzen, die eigene Identität zu stabilisieren

Zur Entwicklung der Identität gehört, sich klar zu werden über sein Selbstbild, zu lernen, dass dieses nicht mit dem Fremdbild identisch ist, dem Bild, was andere von uns haben. Das Ich aber definiert sich nur im Verhältnis zu anderen. Selbstkonzepte von Menschen sind Normen- und Bezugssysteme, die Orientierung bieten, Verhalten steuern und Erfahrungen ordnen. Um andere Menschen verstehen zu können, muss man sich auf deren subjektive Wirklichkeiten konzentrieren. Filme liefern solche subjektiven Wirklichkeiten. Zu erkennen, wie andere mich sehen, anderen zu offenbaren, wie ich sie sehe, dazu muss Schule einen Beitrag liefern. Sie muss dafür allerdings den Freiraum einer weitgehend herrschaftsfreien Kommunikation untereinander bieten und Kommunikationsanlässe schaffen.

- Medien - eine Möglichkeit zur "Positivberichterstattung" von und über Minderheiten

In den Medien erfahren wir etwas von den kulturellen Ereignissen unserer unmittelbaren und ferneren Umgebung. Nur wer berichtet dort? Die Minderheiten? Gerade die (lokale) aktive Medienarbeit kann dazu beitragen, Minderheiten zu Wort kommen zu lassen. Fotoausstellungen können z. B. über die Herkunftsländer von Kindern informieren, ebenso Videofilme oder Zeitungen und Collagen. Medien leisten so einen Beitrag zu gemeinsamem Handeln.

 

Dokumentarfilm oder Spielfilm?

Der Dokumentarfilm gilt als "klassisches" Medium der Informationsvermittlung. Er ist letztendlich jedoch nicht "realistischer" als ein Spielfilm. Viele Pädagoginnen und Pädagogen erwarten von der Dokumentation immer noch Objektivität, Authentizität, also wahrheitsgemäße Darstellung als ein Abbild der Wirklichkeit. Es ist jedoch ein Trugschluss anzunehmen, dass die Filmerfahrung als solche authentisch im Sinne eines Abbildes der Realität ist. Film ist immer ein subjektiver Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Dies trifft auch für den um Objektivität bemühten Dokumentarfilm oder die nüchterne Fernsehdokumentation zu. Authentisch im Sinne von "echt" kann nur darauf bezogen sein, dass der Film seinem Sujet, seinem Gegenstand entsprechend "stimmig" ist.

Auch wenn vom Spielfilm Objektivität und die wahrheitsgemäße Abbildung der Wirklichkeit gar nicht erst erwartet werden, muss er trotzdem "stimmig" sein. Spielfilme erzählen Geschichten statt "Tatsachendarstellungen" zu montieren. Gesellschaftliche Wirklichkeit begegnet den Zuschauenden nicht über Ereignisse und Fakten, sondern über Personen mit Ängsten, Gefühlen und Wünschen. Überspitzt könnte man sagen: Spielfilme "erschlagen" nicht mit Tatsachen, sie bieten Möglichkeiten der emotionalen Auseinandersetzung und der Identifikation.

Die didaktische Qualität eines Films für die Bildungsarbeit liegt dann folgerichtig auch nicht in einer vordergründigen, auf "korrekte" Faktenschilderung orientierten Darstellung, sondern in der Tiefe und Komplexität, mit der die jeweilige Grundproblematik ausgeführt wird, statt nur als Aufhänger zu fungieren. Gerade Kinder müssen "eingeladen" werden zum "Mit-sehen", in einen aktiven Prozess der Auseinandersetzung mit dem Medium einbezogen werden.

Indem ein Film Probleme individualisiert, an Menschen festmacht, werden sie konkret erfahrbar. Flüchtlinge, Ausgestoßene bleiben keine statistische Größenordnung: Sie bekommen Gesichter. Die Zuschauenden werden ermutigt, Fragen zu stellen, Stellung zu beziehen: Was bedeutet das für mich? Wie stehe ich dazu? Was ist mir fremd? Was würde ich tun? Wie stehe ich dazu?

Filme ermöglichen so einen Zugang zu den spezifischen Problemen von Menschen, die unter anderen kulturellen, politischen und sozioökonomischen Bedingungen leben, einen Zugang, den ihnen rational-verbalistische Analysen so nicht vermitteln können. Das Medium Film fungiert dann als Dramaturgie der Annäherung. Durch seine Intensität kann es gerade Kindern zu erkennen geben, dass ihre Probleme, Wünsche usw. nicht nur individuelle oder private sind, sondern sie diese mit anderen - auch aus völlig anderen Kulturen - teilen.

Einen positiven Ansatz der Vermittlung dieser Erkenntnis bietet z. B. die ZDF-Sendereihe "Karfunkel". Fast ausschließlich Regisseure aus anderen Kulturkreisen versuchen, Kindern durch Kurzspielfilme ihre Perspektive des Lebens von "Fremden" - in erster Linie auch Kindern - in Deutschland zu näher zu bringen. Darin liegt zugleich auch das Neue des Sende-Konzeptes: Erfährt man gerade durch (Spiel-) Filme, die in anderen und durch andere Kulturkreise produziert werden, vieles über die Heimat der bei uns lebenden "Fremden", so versucht Karfunkel, aus der Perspektive der Betroffenen deren Lebensalltag und Probleme in ihrer neuen Heimat zu zeigen. Humor, eine positive Einstellung, aber auch Phantasie und Emotionalität sollen Kindern einen Weg hin zum "Fremden" bereiten. So können sie erkennen, dass die Unterschiede oft gar nicht so groß sind wie vielleicht vermutet. Dort, wo ihnen "Fremdes" begegnet, bieten die einzelnen Episoden Raum zur Auseinandersetzung, zur Identifikation und damit zur Annäherung.

Organisation von Filmarbeit

Eine große Schwierigkeit liegt darin, (Spiel-)Filme zum interkulturellen Lernen für die Bildungsarbeit zugänglich zu machen. Häufig wird übersehen, dass solche Produktionen mit erheblichen Kosten verbunden sind. Vor allem Regisseure und Produzenten aus Ländern der sog. "Dritten Welt" müssen meistens mit niedrigsten Budgets, häufig auch mit politischen Widerständen in ihren Heimatländern leben, die die Arbeit erschweren. Hinzu kommt, dass nur wenige Spielfilme deutsche Kinos erreichen, da sie für die "großen" Verleiher in den seltensten Fällen finanzielle Gewinne einspielen.

Eine besonders wichtige Funktion bei der Erschließung dieser Filme für die Bildungsarbeit spielen deshalb die nichtgewerblichen Verleiher wie die Landesbildstellen, die kommunalen Bildstellen sowie kirchliche Medienzentralen. Seitdem interkulturelles Lernen im Begriff ist, zu einem festen Bestandteil schulischer und außerschulischer Bildungsarbeit zu werden, konnten zahlreiche Dokumentar- und Spielfilme zu diesem Thema zugänglich gemacht werden. Vor allem das FWU (Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht), Matthias Film (Evangelische Kirche) und das Katholische Filmwerk sowie das Kinder- und Jugendfilmzentrum (um nur die wichtigsten zu nennen) erwerben die Rechte für diese Medien (was häufig zusätzlich mit hohen Synchronisationskosten verbunden ist) und bieten sie den nichtgewerblichen Verleihstellen an.

Zahlreiche Produktionen entstehen in Kooperation mit dem Fernsehen. Der Vorteil liegt dabei in der finanziellen Unterstützung der - damit aufwendigeren - Produktion. Nachteilig wirkt sich jedoch aus, dass nach der Fernsehausstrahlung nur selten eine kommerzielle Kinoauswertung erfolgt, auf die Filmemacher/innen oder Produzenten angewiesen sind. Die Übernahmekosten von Fernsehproduktionen durch nichtgewerbliche Verleiher sind darüber hinaus in der Regel sehr kostenaufwendig.

Die Relevanz von AV-Medien für interkulturelles Lernen gerade bei Kindern kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden und wird in den kommenden Jahren weiter bestehen bzw. noch zunehmen.


Detlef Endeward, Matthias Günther: Medien als Elemente interkulturellen Lernens.  Aus: Matthias Günther (Hrsg.): Materialien zur Medienpädagogik, Band 5: Karfunkel: Geschichten mit Kindern aus aller Welt. Hannover 1994

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