Geschichtsbewusstsein

"Inbegriff all der Tätigkeiten des menschlichen Bewußtseins, in denen Vergangenheit gedeutet wird, um Gegenwart zu verstehen und Zukunft zu erwarten."
(J. Rüsen

 

Dimensionen des Geschichtsbwewusstseins: Zeit - Lebenspraxis - Umwelt

Die Entwicklung eines Geschichtsbewusstsein spricht die Faktoren des Lernens an, die ihr Spezifikum des 'Historischen' ausmachen, und zwar in zwei Hinsichten:

„Einmal geht es darum die subjektive Seite in den Blick zu bringen, die alles Lehren und Lernen von Geschichte hat, insofern in ihm ja nicht einfach objektive Wissensinhalte transportiert oder 'vermittelt' werden, sondern immer zugleich ganz bestimmte Prozesse der Individuation (psychologische Reifung, Wandlung und Differenzierung - Entwicklung einer individuellen Persönlichkeitsstruktur) und Sozialisation (Einordnung des einzelnen in die Gemeinschaft) erfolgen, in denen sich historisches Selbstverständnis der betroffenen Subjekte, ihre historische Identität, durch selektive, normativ gesteuerte Aneignung geschichtlicher Erfahrungen, ausbildet.

Zugleich geht es darum, organisiertes (zumeist: schulisches) Lehren und Lernen von Geschichte auf der Folie der menschlichen Lebenspraxis erscheinen zu lassen, d. h. seine Bedingtheit durch und Angewiesenheit und Zielgerichtetheit auf die nicht-organisierte historische Erinnerung zu erkennen, die im kulturellen oder mentalen Haushalt eines Individuums oder einer Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt.“ (J. Rüsen, S. 250)

 

Historisches Lernen

Jörn Rüsen hat 'Historisches Lernen' als einen „fundamentalen und elementaren Prozess der menschlichen Lebenspraxis“ identifiziert und als einen kommunikativen Akt von Sinnbildung über Zeiterfahrung“ beschrieben. Gegenstand des historischen Lernens ist die Entwicklung von Geschichtsbewusstsein als "Inbegriff all der Tätigkeiten des menschlichen Bewusstseins, in denen Vergangenheit gedeutet wird, um Gegenwart zu verstehen und Zukunft zu erwarten."

Historisches Lernen schließt also die Beschäftigung mit der Vergangenheit ebenso ein wie die Beschäftigung mit der Zukunft. Historisches Lernen widmet sich den Fragen von Kontinuität und Veränderung, dem Geworden-Sein der Gegenwart und den Möglichkeiten der Veränderung dieser Gegenwart. Negt bezeichnet letzteres als „Utopiefähigkeit“.

 „Historische Fähigkeit in dem Sinne, dass in der Tat Gegenwart als Schnittpunkt von Vergangenheit und Zukunft gesehen wird. Wer kein Bewusstsein der Vergangenheit hat, hat auch kein Zukunftsbewusstsein. […] Die Fixierung der Menschen auf das Gegenwärtige ist ein Mittel von Herrschaft. Die Reduktion des Bewusstseins und Verhaltens auf einen funktionalen Zusammenhang, der Aktualität, ist Ursprung dafür, dass sich das utopische Bewusstsein nicht kollektiv veräußert, sondern verkapselt“ [1]

[1] Oskar Negt:  „Phantasie, Arbeit, Lernen und Erfahrung – Zur Differenzierung und Erweiterung der Konzeption‚ Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen’.“ [1986] In: Arbeit und Politik. Mitteilungsblätter der Akademie für Arbeit und Politik an der Universität Bremen. 4/5 (1991/92 Nr. 8 - 10). S. 32 – 44. [Abschrift der Tonbandaufzeichnung eines Referats, das Oskar Negt auf dem internationalen Symposium „Arbeit und Bildung – Emanzipation durch Lernen und Phantasie“ im 1986 in Linz, Österreich, gehalten hat]., S. 39/40

 

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