Bilder von Tod und Krieg - (Re)Konstruktion von Geschichte(n)

"Krieg ist ein Sammelname für Einzelschicksale"

"Krieg ist nur ein Sammelname für Einzelschicksale", sagt die Heldin in einem Roman aus dem ehemaligen Jugoslawien. Diese Formulierung ist der Ausgangspunkt für die unter dem Stichwort "(Re)konstruktion von Geschichte(n)" vorgeschlagene Auseinandersetzung mit Kriegen und Kriegsberichterstattung.

Aus einer anderen Perspektive formulierte der britische Zeithistoriker T. G. Ash nach einem Besuch in Mazedonien während des Kosovokrieges denselben Sachverhalt: "Es ist eine Sache, aus einem Studierzimmer in Oxford für die politische Notwendigkeit zu argumentieren, Bodentruppen auf eine mögliche Invasion vorzubereiten. Etwas ganz anderes ist es, mit Männern zu sprechen, die dafür ihr Leben riskieren könnten. Diese Männer haben Gesichter und Namen; zwei von ihnen sind Freunde eines alten Bekannten, ein dritter wurde von meinem Bruder unterrichtet." (Ash 1999, S.17)

Literarisch verdichtet wurde diese Dimension des Kriegsgeschehens in der "Trichterszene" von Remarques Roman "Im Westen nichts Neues"..

Bringt man diese Überlegungen in einen Zusammenhang mit der Reflexion über die Leistungsfähigkeit und die Begrenztheit von Medien, so ergeben sich daraus spezifisch medienpädagogisch Vorschläge für Annäherung an das Thema Krieg.

 

Ohne "Nachbelichtung" bleiben Fotografien bedeutungslos - Medienpädagogische Ausgangsüberlegungen

Medien überbrücken Zeit und Raum. Sie erweitern unseren Wahrnehmungshorizont, können uns aber nur "Ausschnitte" der Wirklichkeit liefern. Zum einen werden Orte, Personen und Ereignisse zwangsläufig aus ihrem zeitlichen und räumlichen Kontext herausgelöst. Zum anderen transportiert jedes Medium nur bestimmte Informationen, ermöglicht nur einen bestimmten Blick auf Orte, Personen und Ereignisse. Bedeutung erhalten die über Medien transportierten Botschaften und Mitteilungen für uns dadurch, dass wir sie aufgrund unserer Erfahrungen und unseres Vorwissens in einen Kontext einordnen und fehlende Informationsebenen ergänzen. Die Festlegung auf "Wirklichkeitsausschnitte" im Sinne der Dekontextualisierung und Perspektivengebundenheit trifft auf alle Medien zu, auch auf Fotografien, die scheinbar direkt und authentisch Wirklichkeit fixieren.

"Eine Fotografie, das ist eine Anhäufung von Zeichen, denen keine eindeutigen Inhalte zugeordnet werden können. Im Gegensatz zu den klassischen Medien der Schrift und der Malerei sagt sie uns nichts über das Wesen unserer Welt, sondern reproduziert diese nur noch einmal in ihrem unverständlichen Chaos. Zwar zeigt sie auf, dass sich etwas zu irgendeinem Zeitpunkt ereignet hat, doch über die zeitlichen und räumlichen Zusammenhänge dieses Ereignisses sagt sie nichts." (Hanselle 1999)

Bei den "Schockfotos" der Kriegsberichterstattung wird dies verdeckt, denn Aufnahmen von Schmerz, Trauer, Verstümmelung sprechen uns unmittelbar an. Doch ohne Einordnung in einen Kontext bleibt es bei diesem affektiven Schock.

Kein Foto ist einfach da, jedes muss vom Betrachter nachbelichtet werden, durch Nachdenken, Fragen, Widerworte." Ohne eine solche "Nachbelichtung" bliebe eine Fotografie weitgehend bedeutungslos. (Schürmann 1999, S.206)

Auf diese Notwendigkeit der "Nachbelichtung" hat bereits Walter Benjamin, wenn auch mit anderen Begriffen, hingewiesen. In Benjamins Essay "Kleine Geschichte der Photographie" heißt es:

"Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige wird', so hat man gesagt, 'der Analphabet der Zukunft sein'. Aber muss nicht weniger als ein Analphabet ein Photograph gelten, der seine eigenen Bilder nicht lesen kann? Wird die Beschriftung nicht zum wesentlichen Bestandteil der Aufnahme werden?" (Benjamin 1963, S.63)

Benjamin zitiert in diesem Zusammenhang Brecht: "Denn die Lage, sagt Brecht, wird dadurch kompliziert, dass weniger denn je eine einfache Wiedergabe der Realität etwas über die Realität aussagt. Eine Photographie der Kruppwerke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die letzteren nicht mehr heraus. Es ist also tatsächlich etwas aufzubauen, etwas Künstliches, Gestelltes."

Aus der "Nachbelichtung" wird in dieser Begrifflichkeit ein Prozess der Konstruktion bzw. Rekonstruktion von Wirklichkeit durch die "Montage" von Texten und Bildern.

Die Botschaft eines Mediums ergibt sich erst aus dem aktiven Zusammenspiel der transportierten Informationen mit den Gefühlen, Erfahrungen und den Wissensstrukturen, welche durch sie aktiviert werden. Dieser Verarbeitungsprozess läuft immer ab, bewusst oder unbewusst.

Auch die Bildberichterstattung im Fernsehen unterliegt diesen Beschränkungen des Mediums und erfordert eine Interpretation der Bild- und Textelemente. "Das Medium verfügt - anders als die Sprache, anders selbst als der künstlerische Film - über keine Ausdrucksmöglichkeit, sein optisches Schweigen auszudrücken. Es müsste zu den Mitteln filmischer Metaphorik greifen und Bilder zu Gefäßen für die Phantasie machen - unmöglich im TV-Newsgeschäft. Fernsehen ist hier hemmungslos eindimensional: Bilder können einander nicht negieren, sie sind, und außer ihnen ist nichts." (Festenberg 1999, S. 105)

Wenn von Bilderfluten gesprochen wird, die sich tagtäglich über uns ergießen, wird schnell übersehen, dass diese Bilder fast immer von Worten und Texten begleitet werden. "Es könnte bei oberflächlichem Hinsehen scheinen, als seien die Bilder innerhalb dieser Bild-Text-Welten prädominant, und in quantitativer Hinsicht mag dies zutreffen: Wer nicht gerade berufsbedingt mit Texten umgeht, bekommt es im Laufe seines Tages womöglich mit weitaus mehr Bildern als Texten zu tun. Qualitativ stellt sich die Sache anders dar: Man sollte die Texte in ihrer auch für die Wahrnehmung und Deutung von Bildern steuernden Funktion nicht unterschätzen." (Schmitz-Emans 1997, S.202)

Auch Bilder ohne Texte werden in unserer Wahrnehmung mit Texten verbunden, die uns früher begegnet sind, und Texte transportieren Bilder und bekommen Bedeutung über Bilder, die sie in uns aktivieren. Das Umgehen mit Texten und Bildern will gekonnt sein: Dabei geht es "um die Erhellung unauflöslicher Text-Bild-Verflechtungen, die ein zunächst unwahrnehmbares Ganzes bilden." (Schmitz-Emans 1997, S.202)

Die medienpädagogische Konsequenz für das Thema Kriegsberichterstattung bedeutet, durch inszenierte (Re)konstruktionsversuche folgendes deutlich zu machen:

  • Die Annäherung an die Wirklichkeit (des Krieges) erfordert das Heranziehen unterschiedlicher Medien.
  • Medien in einen Zusammenhang gestellt, interpretieren sich gegenseitig und heben dadurch die perspektivische Verengung des einzelnen Mediums auf.
  • Die Aussage von Bildern, Texten, Medien (über Krieg) erschließt sich erst durch Montage in einen Kontext.
  • In Medien begegnet uns nie die Wirklichkeit (des Krieges), sondern eine (Wirklichkeits-) Konstruktion.
  • Obwohl Bilder an sich erst durch Texte eingeordnet und interpretiert werden, haben Themen, für die es Bilder gibt, die größeren Chancen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
  • Die über Multimedia und Internet eröffneten Recherche- und vor allem die Bearbeitungs- und Präsentationsmöglichkeiten eignen sich in besonderer Weise für die (Re)Konstruktion von Geschichte(n), sind aber sicherlich nicht unabdingbare Voraussetzung, da sich Materialien auch ausdrucken und in herkömmlicher Weise bearbeiten lassen.

Für diese (Re)Konstruktionversuche werden hier zwei Themen mit entsprechenden Materialien vorgestellt. Zum einen geht es um das berühmte Foto von Frank Capa "Tod eines republikanischen Soldaten" und die Frankfurter Poetik-Vorlesung von Peter Härtling, in der er sich mit dieser Fotografie auseinandersetzt. Zum andern geht es um das Thema "1.Weltkrieg". Im November 1998 jährte sich zum 80. Mal das Ende des 1.Weltkriegs. Aus diesem Anlass wurde in vielen Projekten Material erarbeitet, das sich für die vorgeschlagene Rekonstruktionsarbeiten anbietet. Vorgestellt werden die Sendereihe "Feldpostbriefe" des Deutschlandfunks und die dazu gehörigen Begleitinformationen sowie eine Linkliste zum 1. Weltkrieg, in der u.a. auf vergleichbare amerikanische und britische Projekte verwiesen wird.

Für das Thema "1. Weltkrieg" sprechen mehrere Gründe. Neben der Fülle des zur Verfügung stehenden Materials sind es inhaltliche und methodische Aspekte. Wie es in der Einführung der Sendereihe "Feldpostbriefe" des Deutschlandfunks heißt, war - nach einem Wort des amerikanischen Diplomaten George F. Kennan - der Erste Weltkrieg die „Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts“. Methodisch gesehen erleichtert der zeitliche Abstand zu den Ereignissen, die Rekonstruktionsversuche und die Reflexion über die Leistungen und Grenzen der Medien, da es bei der Arbeit mit aktuellem Bild- und Textmaterial zu einer viel stärkeren Überlagerung der medialen Inhalte durch die in der Öffentlichkeit dominanten Meinungen, Wertungen und Einstellungen käme. Nicht zuletzt spricht für die Wahl des Themas "1.Weltkrieg" die Tatsache, dass es sich hierbei auch aus der Medienperspektive um den ersten modernen Krieg handelt.

Anmerkungen zur Medienentwicklung

Die (Re)konstruktion von Geschichte(n) erfordert auch, den Status der zur Verfügung stehenden Materialien einzuschätzen: Telegrafie, Panorama, Fotografie, Postkarte, Feldpost, Bildpostkarte. Lesen Sie mehr
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