Entwicklungstendenzen im Fernsehjournalismus

Entwicklungstendenzen im Fernsehjournalismus
Zur Diskussion

In einem Bericht zur Lage des Fernsehens für den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Richard von Weizsäcker, vom Februar 1994 wurden Entwicklungstendenzen im deutschen Fernsehjournalismus formuliert, die hier zur Diskussion gestellt werden sollen.

  • Hat sich bestätigt, was vor 20 Jahren als Tendenz formuliert worden ist?
  • Was ist anders geworden, als beschrieben?
  • Welche (neuen) Tendenzen lassen sich heute formulieren?

Aus dem Bericht von 1994

 

Fernsehen als Orientierungsmittel in einer unüberschaubaren Umwelt
„Das Fernsehen ist ein wichtiges Mittel der Orientierung in einer für den einzelnen unüberschaubar gewordenen Umwelt. Das "elektronische Fenster zur Welt" eröffnet vielfach erst den Blick auf aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft: Es macht mit Interessen, Konzepten, Maßnahmen und Alternativentwürfen bekannt, mit denen diese Prozesse politisch gestaltet werden sollen. (...)“

Informationsbedarf und Ausweitung der Programmangebote
„Auf diesen Informationsbedarf stellen sich die Fernsehprogramme mit einer Fülle von entsprechenden Programmangeboten ein. Dies gilt vor allem für die öffentlich-rechtlichen Sender.“

Programmerweiterung verführt zum Unterhaltungsslalom
„Zugleich hat die Vermehrung der Fernsehprogramme die Gelegenheiten vervielfacht, diese Informationsangebote zu "umfahren". Die Chance, daß der gewohnheitsmäßige Gebrauch des Mediums Zuschauer automatisch mit politischen Informationen in Kontakt bringt, hat abgenommen. Fernsehen kann als reines Unterhaltungsmedium gebraucht werden. Ein nicht unerheblicher Teil des Publikums ist von der politischen Berichterstattung des Fernsehens nicht erreichbar.“

Medieninduzierte Hilflosigkeit als Folge von Informationsüberlastung
„Für die Mehrheit jener Zuschauer mit weniger gut integriertem Wissen scheint die - auf den ersten Blick paradoxe - Situation zu entstehen, daß die enorme Zunahme der Informationsangebote mit dem Verlust der Qualität der Informiertheit einhergeht.“

Informationsformate und ihre Vermittlungsleistungen
Einen Anhaltspunkt für den Gebrauchswert der Informationsleistungen im Fernsehen bietet die Unterscheidung von Informationsformaten (Nachrichtensendung, politisches Magazin, serviceorientiertes Magazin, Gesprächs- oder Diskussionssendung usw.). Sie stecken einen je unterschiedlich dimensionierten Rahmen für Informationsqualitäten wie Sachgerechtheit, Verständlichkeit, Redundanz oder Begründetheit ab. (...)

Die vergleichende Analyse von Programmstrukturen zeigt, daß bei öffentlich-rechtlichen wie kommerziellen Programmen die Nachrichtensendungen an der ersten Stelle der Informationsangebote stehen. ARD und ZDF ergänzen dies in erheblichem Umfang mit "politischen Informationssendungen" und Angeboten mit wirtschaftlichen, kulturellen oder alltagsbezogenen Fragen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen bietet damit ein vergleichsweise dichtes Netz unterschiedlich akzentuierter journalistischer Formate, die eine qualitative Variation in den Vermittlungsleistungen ermöglichen.

Die Informationsangebote der beiden reichweitenstärksten kommerziellen Programme haben eine andere Struktur. Die tagesaktuelle Nachrichtengebung wird in vergleichsweise geringem Umfang um Sendungen ergänzt, deren Format die Darstellung von Hintergründen erlauben.


Problematische Tendenzen
"Wenn im folgenden problematische Tendenzen dargestellt werden, sollen damit nicht die Verdienste geleugnet werden, die sich Fernsehjournalismus durch die tägliche Informationsarbeit und herausragende Beispiele anspruchsvoller Berichterstattung’ erworben hat. Das Potential an Gefahren, das in den Entwicklungstendenzen des Fernsehjournalismus angelegt ist, gilt es zu beschreiben. Es sind dies Gefahren für die orientierende Dienstleistung der Fernsehinformation als "Medium und Faktor" individueller Meinungsbildung und in Folge für das geistige und politische Klima der Gesellschaft ."

Tendenz: Sensationalismus

  • Das Fernsehen zeigt das, was ins Auge sticht
  • Die kontextlose Präsentation von Schreckensbildern führt zur Desorientierung
  • Beim Wettlauf um Aktualität bleibt der Journalismus auf der Strecke

Tendenz: Negativismus

  • Journalismus bauscht auf, wo er mit einer klaren Einordnung behilflich sein sollte
  • Die emotionalisierende Wirkung der Bilder behindert die kognitive Verarbeitung
  • Die Gedächtnislosigkeit des Sensationsjournalismus
  • Sensationalistische Gewaltdarstellungen verschieben das gesellschaftliche Klima

Tendenz: Skandalisierung

  • Auf Versagensdiagnosen abonnierter Journalismus beschneidet die Möglichkeiten der Meinungsbildung

Tendenz: Ritualisierte Politikdarstellung

  • Das Fernsehen darf die Zuschauer nicht an die Inszenierung symbolischer Politik ausliefern
  • Fernsehen muß die Verpackung zertrümmern, mit denen Parteistrategen Fakten und Absichten verbergen wollen
  • Der informatorische Gebrauchswert des Fernsehens als Maß für die wünschenswerte Distanz gegenüber den „Parteistrategen“
  • Die Etablierung einer argumentativen „Streitkultur“ als Aufgabe des Fernsehens
  • Eine Dramaturgie des Schlagabtausches geht auf Kosten der inhaltlichen Substanz
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