Die Betrachter - Wer über Bilder spricht, spricht über sich selbst!

Wer über Bilder spricht, spricht über sich selbst!

2.1 Realistische Kriegsbilder - Propaganda für den Frieden?

Zur Zeit des 1.Weltkrieges weckte der neue Realismus fotografischer und filmischer Kriegsberichte Hoffnungen bei Kriegsgegnern und Pazifisten: "Krieg dem Kriege!"(Friedrich, Ernst: Krieg dem Kriege, 1924 (Frankfurt am Main 1991) war der programmatische Titel einer Veröffentlichung mit Bildern, in der die Schrecken des Krieges unverhüllt dokumentiert wurden:

"Auf schärfste Empörung. über fast alle Grenzen der politischen Formierung hinweg, stieß eine Publikation von Bildern des Krieges, die den Konsens über das heroische Leiden der 'Landser' aufkündigte: Ernst Friedrichs 'Krieg dem Kriege' von 1924. Mit (überwiegend Privat-)Aufnahmen von Verstümmelten und Zerfetzten suchte er das Grauen vor dem Krieg zu mobilisieren." (Lüdtke 1995, S.77)

Auch Kurt Tucholsky setze auf die aufklärende Wirkung realistischer Kriegsbilder, in der Hoffnung, daß die Menschheit nicht böse, sondern nur zu phantasielos sei, um sich die Schrecken des Krieges auszumalen:

"Man zeige einmal alles: man zeige die Nahkampfaufnahmen, die in allen Generalstäben existieren, man zeige, wie Leute fallen, hinsinken, sich auf dem Boden zerquälen - man zeige Trümmer und zerfetzte Pferde, denen die Eingeweide herausquellen, vergaste und brüllende Menschen, hingemordete Jünglinge und blutende Männer. Man zeige das, und es wird sich herausstellen, ob die Menschheit, die phantasieloser als böse ist, sich nicht erhebt und nach diesen Verlusten, nach diesen Leiden und nach diesen Schmerzen in millionenfachem Schrei etwas zurückweist, das nicht sein muß: das Verbrechen des Krieges." (Tucholsky, 1975, S.362)

2.2 "Ohne die politische Dimension wird man Aufnahmen von der Schlachtbank der Geschichte höchstwahrscheinlich nur als unwirklich oder als persönlichen Schock empfinden."

Wenn es um die "Friedensmächtigkeit" von Bildern geht, wird immer wieder auf den Vietnamkrieg Bezug genommen. In der Tat, wohl kaum jemand, der diese Zeit bewußt miterlebt hat, hat ein Foto vergessen, das 1972 fast überall in der Welt auf den Titelseiten der Zeitungen erschien: "ein nacktes südvietnamesischen Kind, das soeben mit amerikanischen Napalm besprüht, eine Straße entlangläuft, direkt auf die Kamera zu, mit ausgestreckten Armen und vor Schmerzen schreiend." (Sontag 1980, S.23f.)

Der Vorstellung im Vietnamkrieg sei die Moral der "Heimatfront" durch die authentischen Schilderungen des Kriegsgeschehens untergraben und damit sei der Krieg "im Fernsehen" letztlich im Fernsehen verloren worden, setzt Susan Sontag einen historischen Vergleich entgegen. Vom Krieg in Korea habe es ähnlich schockierende Aufnahmen gegeben, doch diese Bilder hätten das Einverständnis der Bevölkerung mit diesem moralisch gerechtfertigten Krieg nicht erschüttert. Sie folgert daraus:

"Die Voraussetzung für eine moralische Beeinflussung durch Fotos ist die Existenz eines relevanten politischen Bewußtseins. Ohne die politische Dimension wird man Aufnahmen von der Schlachtbank der Geschichte höchstwahrscheinlich nur als unwirklich oder als persönlichen Schock empfinden." (Sontag 1980, S.24f.)

2.3 Die Schreckensbilder aus aller Welt überfordern uns

Die Empfänger dieser Botschaft sind verunsichert. Manche werden von Schuldgefühlen heimgesucht. Wenn sie sich die Hilfe nicht zum Beruf machen, sind ihre Handlungsmöglichkeiten eng begrenzt. Viele spenden. Ihnen wird entgegengehalten, sie hätten es nur auf ein moralisches Alibi abgesehen. Wohltätigkeit sei ein bloßes Palliativ*, ein Entlastungsmanöver, mit dem sich jeder auf billige Weise ein gutes Gewissen verschaffen könne. Wie man es den Predigern der Tugend recht machen sollte, verraten sie nicht.

Eine Pädagogik, die ihre Schäfchen durch die Steigerung der Dosis zu sensibilisieren glaubt, ist im günstigsten Fall naiv. Sie wird ihre Adressaten im Gegenteil immun machen gegen jede Regung des Gewissens. Die psychische und kognitive Überforderung schlägt zurück. Der Zuschauer fühlt sich unzuständig und ohnmächtig; er igelt sich ein, schaltet ab. Die Botschaften werden abgewehrt oder verleugnet. Diese Form der inneren Notwehr ist nicht nur verständlich; sie ist unvermeidlich.

Wie eine "richtige" Reaktion auf den täglichen Massenmord aussehen sollte, weiß nämlich niemand zu sagen. (Enzensberger1993, S. 78 f.)

*Palliativ: schmerzstillendes Mittel

2.4 Schreckensbilder nützen sich ab

Die Art der Gefühle - auch der moralischen Entrüstung -, die Fotos von Unterdrückten, Ausgebeuteten, Verhungerten und Hingemetzelten in uns auslösen können, hängt auch vom Grad unserer Vertrautheit mit solchen Bildern ab. Don McCullins Fotos von ausgemergelten Biafranern aus den frühen siebziger Jahren haben manche Betrachter weniger erschüttert als Werner Bischofs Aufnahmen von Opfern indischer Hungersnöte aus den frühen sechziger Jahren, weil derartige Bilder inzwischen alltäglich geworden waren; und die 1973 in allen Illustrierten erschienenen Fotos von Tuaregfamilien, die in der westlichen Sahara Hungers sterben, dürften auf viele wie die unerträgliche Wiederholung einer längst bekannten Greuel-Ausstellung gewirkt haben. Fotos schockieren, insofern sie etwas Neuartiges zeigen. Bedauerlicherweise wird der Einsatz immer weiter erhöht zum Teil eben wegen der ständig zunehmenden Zahl solcher Schreckensbilder. (Sontag, 1980, S.25)

2.5 "blood and guts"-Storys

"So inhuman es auch scheinen mag, die Medien sollten nicht darauf verzichten, auch drastisch-anschauliches Material ("blood and guts"-Storys) zu verwenden, nur weil einige so etwas als abstoßend empfinden. Obwohl sie natürlich abstoßend sind, vermitteln derartige Szenen doch ein wirklicheres Bild von den Schrecken des Krieges. Krieg ist nicht schön, und seine Kosten (in bezug auf Geld und Menschenleben) können unglaublich hoch sein. Werden solche Szenen gezeigt, wird die Öffentlichkeit gezwungen, sich der häßlichen Realität des Krieges zu stellen. Natürlich müssen Journalisten auch dabei abwägen, ob mit derartigen Präsentationen die Regeln des guten Geschmacks unnötig verletzt werden. Denn es sollte keine Möglichkeit gegeben werden, durch die Veröffentlichung sensationellen Materials aus dem Krieg Profit zu schlagen. Boulevard-Journalismus ist von uns nicht gemeint."

"Trotz ihrer inhärent abstoßenden Natur können einige dieser Bilder die Zuschauer in bezug auf die wahren Schrecken des Krieges "erziehen". Sie zeigen den "Feind" als Individuum und nicht als irgendein unmenschlichen, militärstrategisches Ziel." (Vincent./Galtung 1993, S. 193f u. S.196)

2.6 Medien sind dafür verantwortlich, ihr Publikum an eine Realität zu erinnern.

Tatsächlich könnte die erhöhte Rate des Informationsflußes dazu führen, daß wir weniger bereit sind, Schritte zu Problemlösungen zu unternehmen. Obwohl diese Sorge sicher berechtigt ist, scheint die Gefahr aber dennoch nicht so groß, daß eine drastisch-anschauliche Medienberichterstattung unsere Wahrnehmung von Kriegen negativ beeinflussen könnte. Denn die Zahl der Fälle, in denen grausame Bilder gezeigt werden, ist tatsächlich sehr gering. Wenn überhaupt, so dienen solche Bilder eher als dramatische Erinnerung an die Schrecken des Krieges, denn als negative Kampagne, die unsere Sinne vor solchen Bildern verschließt. Schließlich sind Tod und Zerstörung Produkte des Krieges. Wenn Menschen einen Krieg unterstützen wollen, sollten sie Mahner des wahren Schreckens und des endgültigen grausamen Resultats eines Krieges sein! Menschen sterben im Krieg. Ob sie nun als Märtyrer, Patrioten, Freiheitskämpfer oder Bewahrer der Demokratie dargestellt werden, so sind tote Menschen immer / noch tote Menschen. Medien sind dafür verantwortlich, ihr Publikum an eine Realität zu erinnern. Wenn sie es nicht tun, wird es weniger wahrscheinlich, daß verantwortungsvolle Entscheidungen getroffen werden. (Vincent/Galtung 1993, S.197 f.)

2.7 "Der Beschauer, der über Bilder urteilt, fällt damit ein Urteil auch über sich."

Das Mai-Heft der Schweizer Kulturzeitschrift DU beschäftige sich im Jahr 1946 mit den Kriegsfolgen in Europa. Das Titelblatt zeigt das narbenbedeckte Gesicht eines Jungen in Großaufnahme.

Das Foto "Der Bub von Roermond" (Niederlande) stammt von dem Photographen Werner Bischof. Ein Freund und Begleiter Bischofs, der Photograph Emil Schulthess, notiert in seinem Tagebuch zum Entstehen der Aufnahme: "Als die Deutschen Roermond räumen mußten, legten sie tausende von 'Booby-traps' (Bleistiftbomben), überall: an den Türfallen, in den Pfannen, in die Closets, hinter Türen, hinter Kasten, in Körbe, in das Nähzeug ect., grauenhaft. Der Knabe öffnete die Türe, die mit der 'Booby-trap' verbunden war. Sein rechtes Auge ist verloren und sein Gesicht durch die Splitter entstellt. Hunderte gebe es allein in Roermond, das sei nicht ein Einzelfall (...)"

Aus der Sicht des Jahres 1995 handelt es sich dabei um ein noch immer beeindruckendes Bild, das aber heute kaum schockierend wirken dürfte. 1946 löste die Auswahl dieses "Motivs" heftige Kontroversen in der Leserschaft aus. Im Juli-Heft nahm die Redaktion die Redaktion dazu Stellung und druckte zwei der eingegangenen Leserbriefe ab:

"An das 'Du', Redaktion, Zürich. Beiliegend sende ich Ihnen Ihre letzte Nummer zurück. Ich kann mir nichts Geschmackloseres vorstellen als dieses letzte Heft und will es nicht mehr herumliegen sehen. Statt daß ich es nun stillschweigend in den Papierkorb wandern lasse - auch für das Wartzimmer ist es nicht zu gebrauchen - , will ich es Ihnen lieber zurückschicken, damit Sie wenigstens wissen, wie das Heft wirkt, und zwar nicht nur bei mir, sondern auch bei andern. Kurz: es ist eine böse Geschmacksverwirrung, das Leid eines andern, überlebensgroß und farbig, als Titelblattverzierung Ihres Magazins zu verwenden. Noch einige solcher Nummern, und Sie können mich von der Abonnentenliste streichen. - Statt eines eventuell langen erklärenden und belehrenden Briefes wäre es mir lieber, wenn Sie mir eine Ihrer wirklich schönen, früheren Nummern zuschicken würden, am liebsten eine mit schönen Kunstreproduktionen moderner Kunst."
Mit freundlichen Grüßen: Dr. med. U. K. in S."

"Liebes 'Du'! Du hast mich mit der letzten Nummer mitten ins Herz getroffen, und ich hoffe, es sei noch recht vielen Lesern so ergangen... Den größten Eindruck hat mir das Titelbild gemacht. Ich muß dieses arme, vernarbte Bubengesicht immer wieder ansehen und mir vorstellen, daß auch seine kleine Kinderseele solche Narben hat von allen möglichen Erlebnissen und Eindrücken. Was dann noch im Geleitwort über den Knaben zu lesen ist, hat mich tief erschüttert. Ich möchte Dich nun fragen, ob es wohl möglich wäre, die Adresse dieser Familie zu erhalten. Bekannte von uns haben ein Holländer Mädchen, welches Ende Mai heimkehrt, und so könnte ich vielleicht ein Paket mitgeben für den lieben Buben, damit auf sein Gesicht ein Lächeln. kommt. Leider gestatten es mir die engen Wohnverhältnisse nicht, ein Kind aufzunehmen, aber es gibt ja genug Gelegenheit zum Helfen."
Frau H. B.-A. in W.

Die Redaktion von DU räumt ein, daß sie sich innerhalb der Redaktion durchaus nicht sicher in der Wahl des Titelblattes gewesen seien, ohne allerdings zu ahnen, daß dieses Titelblatt zu einer "Art Test fürs Schweizervolk" wurde:

"Alle jungen Menschen haben ihm zugestimmt, sie haben dessen rücksichtslose Offenheit und Wahrheit anerkannt, viele unentwegte Umstürzler und Verbitterte lassen beifällig den Vorwurf heraus, den das Bild an eine Gesellschaft richtet, welche Menschen in diesen Zustand gebracht hat. Sehr viele Frauen wendeten sich heftig ab. Es ist schwer zu sagen, was im einzelnen bei jeder Abwehr im Innern der Betroffenen vor sich ging. Es gibt auch in solchen Fällen eine Oberflächen- und eine Tiefenwirkung, die oft verschieden sind. Den Vorwurf der Geschmacklosigkeit nehmen wir auf uns. Das Schreien des Unglücklichen war noch nie nach dem Geschmack der Bewahrten. Geschmack ? Was ist das ? Was ist er vor der Wahrheit, der Liebe, dem Opfer? War er als oberster Richter zuständig vor dem Bilde jenes Knaben ?"

Die Redaktion kommt zu dem Resümee, daß jeder über Bilder spricht, in erster Linie über sich selbst spricht:

"Der Beschauer, der über Bilder urteilt, fällt damit ein Urteil auch über sich. Bilder sind Fragen an den Beschauer: 'Wie verhältst du dich vor mir, was kommt vor mir dir in den Sinn, was für Gefühle steigern vor mir in deinem Innersten auf ?'"


Literatur

Enzensberger, Hans Magnus: Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt am Main 1993

Roskis, Edgar: Images et vautours. A propos d'un prix Pulitzer de photographie, in: Le Monde Diplomatique, August 1994

Sontag, Susan: Über Fotografie, Frankfurt am Main 1980

Lüdtke, Alf: Industriebilder - Bilder der Industriearbeit?, in: Irmgard Wilharm (Hrsg.): Geschichte in Bildern. Von der Miniatur bis zum Film als historische Quelle, Pfaffenweiler 1995

Tucholsky, Kurt: Französischer Kriegsfilm, Gesammelte Werke Bd.5 1927, Reinbek 1975, S.361f.

Vincent, Richard C./ Galtung, Johan: Krisenkommunikation morgen. Zehn Vorschläge für eine andere Kriegsberichterstattung, in: , Löffelholz, Martin (Hrsg.): Krieg als Medienereignis. Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation, Opladen 1993, S.177 – 210

 

 

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