Gefährliches Lesen

Zur Schmutz- und Schundkampagne der 1950er Jahre

 

In den 50er Jahren des Jahrhunderts lösten die Entwicklungen im Medienbereich eine heftige „Schmutz- und Schundkampagne“ aus. Dass man mit Recht von einer „heftigen Kampagne“ sprechen kann, zeigt sich schon alleine daran, dass es – noch keine zehn Jahre nach Ende des Dritten Reichs – zu öffentlichen Verbrennungsaktionen von sogenannter Schundliteratur kam.

Die Schmutz- und Schund-Diskussion knüpfte an die Gesetzgebungen in der Weimarer Republik an. Von 1926 bis 1935 existierte ein „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schmutz- und Schundschriften“. Zur Durchsetzung des Gesetzes wurde in Berlin und München je eine Prüfstelle für Schund- und Schmutzschriften eingerichtet.

Diese entschied darüber, welche Werke auf der „Liste der Schmutz- und Schundschriften“ geführt wurden. Dieses Gesetz war gegen den Widerstand der SPD, der DDP und weiter links stehender Parteien verabschiedet worden. 1935 wurde dieses Gesetz aufgehoben, weil der nationalsozialistische Staatsapparat mit der Einrichtung der Reichsschrifttumskammer über ein wirkungsvolleres Kontrollinstrument verfügte. In der Bundesrepublik Deutschland wurde auf Grundlage des 1954 verabschiedeten Gesetzes gegen die Verbreitung jugendgefährdender Schriften die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften eingerichtet.

Träger der Schmutz- und Schundkampagne in den 1950er Jahren waren Lehrer. Eine führende Rolle spielten dabei die Vereinigten Jugendschriften-Ausschüssen im Allgemeinen Deutscher Lehrer- und Lehrerinnen-Verband bzw. der GEW. Eine wichtige publizistische Rolle übernahm dabei die Verbandszeitschrift „Jugendschriften-Warte“.

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen standen Comics, die Angriffe richteten sich aber auch gegen die Illustrierten und selbst gegen Jugendzeitschriften wegen ihrer „zerstreuenden und zerfasernden Wirkung“, denn so heißt es im Heft 12/1958 der Jugendschriften-Warte: „Das Ziel jeder literarpädagogischen Unterweisung ist die Erziehung zum Buch. Dieses Ziel ist unverrückbar und darf durch eine Jugendzeitschrift nicht gemindert oder gar gefährdet werden.“

Die Kontinuität bestimmter Argumentationsmuster liegt trotz veränderter Wortwahl und Ausgangslage auf der Hand. Unabhängig davon, welche Schlüsse man aus dieser Kontinuität zieht, sollte man sie zur Kenntnis nehmen und sich mit ihr auseinandersetzen.

Immer wieder wird betont, dass die meisten Comics aus den Vereinigten Staaten kommen, ist die Rede von den aus den USA importierten „Comics“ oder wird darauf verwiesen, dass diese Entwicklung 1945 eingesetzt habe. Zumindest aus heutiger Sicht wirkt es äußerst befremdlich, dass in der Schmutz- und Schundkampagne das Jahr 1945 mit dem Einbruch von Schmutz und Schund in Verbindung gebracht wird!

„Seit 1945 bot sich dem nach Lektüre suchenden Kind am augenscheinlichsten und verlockendsten das minderwertige moderne Schrifttum in Gestalt der Schmöker-Heftreihen an. Sein Wiedererscheinen geschah in einer Form, die an Quantität und Qualität alles früher Erlebte weit in den Schatten stellt.“ (Jugendschriften-Warte Nr. 12/1956, S. 82)

Zwei Argumentationsstränge sind zu unterscheiden. Zum einen geht es – in Sprache der Jugendschriften-Warte – um die „Zersetzung der Moral“, zum anderen um die „Zersetzung der Leistungsfähigkeit“. Der zweite Argumentationsstrang zielt insbesondere auf die Comics, denn so ein Autor der Jugendschriften-Warte: „Comics erzeugen Bildidiotismus“ (Jugendschriften- Warte H. 9/1956, S. 63).

Auf die „Zersetzung der Leistungsfähigkeit“ kommen die Autoren der Jugend-Schriften- Warte immer wieder mit Nachdruck zu sprechen. Dies liegt sicherlich mit daran, dass es sich hier um den typischen Lehrerblick auf die nachlassende Leistungsfähigkeit der „heutigen Jugend“ handelt. Außerdem sehen die Aktivisten der Schmutz- und Schundkampagne gerade auf dieser Ebene das Defizit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Geprüft würden hier nur Inhalte und damit gerieten ihrer Meinung nach die tiefer gehenden Gefahren nicht in den Blick.

„Vor uns liegt die Auseinandersetzung mit politischen und wirtschaftlichen Mächten. Wir werden unsere Existenz wohl nur sichern können, wenn wir mit unserer Leistung konkurrenzfähig bleiben, wenn die Produkte unserer Arbeit sich den Ruf der Wertarbeit erhalten. Das wird nur möglich sein, wenn eine große Zahl leistungsfähiger Arbeiter (im weitesten Sinne) nachwächst. Wir brauchen nur zum Osten zu schauen, um zu erkennen, dass ein Volk von Bildanalphabeten wenig Chancen für die Zukunft hat.“ (Jugendschriften-Warte Nr. 12/1959, S. 75)


Im Rahmen diese bundesweiten „Schmutz- und Schund-Kampagne“ ist um 1955 eine Diareihe mit Begleittext für Referenten erstellt worden.

Mit Blick auf viele Beiträge in den Heften der „Jugendschriften-Warte“ kann man dem Autor der Diareihe eine vergleichsweise moderate Haltung bescheinigen. Zwar sieht auch er in den gewaltverherrlichenden Darstellungen der Comics und Groschenheften eine Ursache für die Jugendkriminalität, beklagt die Verbreitung desorientierender Leitbilder und kritisiert die sprachliche Minderwertigkeit und schablonenhafte Effekthascherei.

In seinem Sprachgebrauch unterscheidet er sich jedoch deutlich vom Jargon der „Jugendschriften-Warte“, der mit der häufigen Verwendung von Begriffen wie Entartung und Zersetzung wenig Distanz zum Sprachgebrauch des Nationalsozialismus zeigt.

Der Autor dieser Diareihe fordert auch nicht zu Aktionen auf, in denen Schundliteratur öffentlich verbrannt werden soll. Anstelle von Verboten und Razzien wirbt er dafür, Kindern positive Alternativen anzubieten, damit sie nicht zum „Schmöker“ greifen müssen.

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