Gewalt und Rollenklischees

Gewaltdarstellung und geschlechtsspezifische Rollenklischees
Kritische Anmerkungen zur medienpädagogischen Debatte

Das Massenangebot von Gewaltszenen in den Medien ist seit Jahrzehnten ein medienpädagogisches Dauerbrenner-Thema. Über 3000 Studien, um mehr über die Auswirkungen medialer Gewaltdarstellungen auf Kinder und Jugendliche zu erfahren, sind durchgeführt worden. Inzwischen hat sich zumindest mehrheitlich die Einsicht durchgesetzt, dass die Medienwirkung abhängig vom Erlebens- und Erfahrungs-horizont der RezipientInnen ist und dass ein direkter und messbarer Einfluss auf das unmittelbare Handeln nicht nachweisbar ist.(1)

Dennoch ist das Fernsehen bzw. der Gewaltspielfilm noch immer
schnell als Sündenbock Nr. 1 ausgemacht, wenn von der zunehmenden Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen die Rede ist. Es ist eben leichter, sich über Gewaltexzesse im Fernsehen und im Film zu empören und Verbote zu fordern - die dann aufgrund wirtschaftlicher Interessen nicht durchgesetzt werden - als sich mit der Realität struktureller (und daraus resultierender personaler) Gewalt zu konfrontieren, die den Alltag von so vielen Menschen bestimmt.

Weltweit sind mehr als 40 Mio. Menschen auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Verfolgung. Jeder 2. Flüchtling ist ein Kind. Jeder 4. Mensch auf dieser Welt lebt in absoluter Armut. 1993 starben 500000 Kinder, weil sie in Kriegszeiten nicht ausreichend versorgt wurden. In Deutschland lebt jedes 7. Kind unterhalb des Existenzminimums, weit über 500000 Kinder leben in Obdachlosensiedlungen oder anderen katastrophalen Wohnverhältnissen. 1994 wurden 3000 Fälle von Kindesmisshandlung polizeilich erfasst. Schätzungen gehen davon aus, dass jedes 4. Mädchen sexuell missbraucht wird und jede 3. Frau von sexueller Gewalt betroffen ist. (2)

In Anbetracht dieser Gewaltverhältnisse erscheint das Ausmaß der Empörung über Gewaltdarstellungen in einem Kinofilm wie „Natural Born Killers" (Oliver Stone, USA 1994) geradezu absurd.

Zugegebenermaßen: die 52 Morde, die das Killerpärchen Micky und Mallory innerhalb von drei Wochen mal eben nebenbei erledigt, im wesentlichen grundlos und ohne jegliches Schuldbewusstsein, bieten Grund genug zur Verstörung. Aber auch wenn ihr Aufstieg zu Medienstars in Form eines rasanten Monumental-Clips gestaltet ist, einen leicht konsumierbaren Vernichtungsrausch bietet „Natural Born Killers" dennoch nicht. In weiten Teilen bleibt der Film eine beunruhigende Satire auf die zunehmende Brutalisierung der Gesellschaft und den wachsenden Einfluss der Medien und hinterlässt damit einen Kloß im Hals.

Ganz ähnlich wie die zynische Gangster-Parodie „Pulp Fiction" (Quentin Tarantino, USA 1994), die ebenfalls unlängst für Entrüstung sorgte. Auch hier wird Gewalt „in den Kontext eines nihilistischen Comics verpackt, ein buntes, großes Knallbonbon, das einem im Halse stecken bleibt".(3)

Medien spiegeln und reproduzieren die in unserer Gesellschaft existierenden Gewaltverhältnisse tagtäglich wieder, und natürlich bleibt dies nicht ohne Wirkung auf die RezipientInnen. Mediale Gewalt kommt allerdings nicht nur in Person von Profikillern und psychotischen Massenmördern daher. Sie begegnet uns auch in unzureichend kommentierten und künstlich dramatisierten Blutbad-Bildern der Nachrichtensendungen(4) und in subtilen Klischees wie der Darstellung des bemitleidenswerten aber unfähigen kurdischen Asylbewerbers in der Krimiserie „Peter Strohm" oder der weinenden Frau, die in Jürgen Flieges Talkshow als hilfloses Opfer männlicher Gewalt auf geschmacklose Weise vorgeführt wird. (5)

Eines der konstituierenden Gewaltverhältnisse unserer Gesellschaft ist noch immer das zwischen Männern und Frauen. Das erschreckende Ausmaß an sexueller Gewalt und die noch immer ungerechte Arbeitsverteilung sind nur die offensichtlichsten Anzeichen dafür.

Die Medien reproduzieren und stützen dieses hierarchische Verhältnis, indem sie Mädchen und Frauen in den handlungstragenden, dominan-ten Rollen unterrepräsentieren, sie als wehrlose Opfer inszenieren und sexualisieren, und damit Vorstellungen von typisch weiblichem und männlichem Verhalten mitprägen.

Trotz zahlreicher Veröffentlichungen, die diese Fakten belegen und problematisieren (6), finden geschlechtsspezifische Aspekte nur zögerlich Eingang in die Debatte um „Gewalt in den Medien". Allein schon die bis heute vorherr- schende Fragestellung: Verstärkt mediale Gewalt Aggressivität und reale Gewaltanwendung?; blendet die Perspektive von Mädchen und Frauen als Rezipientinnen aus.

Bei ihnen mobilisieren die gewalthaltigen Bilder mit klassischer Rollen-verteilung nämlich in erster Linie Angst- und Bedrohungsgefühle und leider nur selten Aggressivität, Wut und Rachegelüste. Die Wirkung von Gewalt im Film ist also in hohem Maße abhängig vom Geschlecht - sowohl der Filmfiguren wie der RezipientInnen.

Doris Gercke, Autorin der „Bella Block"-Kriminalromane, erlebt immer wieder, wie unterschiedlich die Reaktionen auf Gewalttaten sind, abhängig vom Geschlecht der Täter.

„Bei Lesungen werde ich oft gefragt: Geht es nicht ohne diese Brutalität? Anfangs habe ich die Frage gar nicht begriffen, bis mir klar wurde: In anderen Krimis werden zwar haufenweise Menschen umgebracht. Aber weil Bella eine Frau ist, reagieren die Leser und vor allem die Leserinnen viel empfindlicher darauf, wenn sie Gewalt ausübt." (7)

Auch die Fotografin und Filmemacherin Bettina Flitner kann ein Lied davon singen, wie verständnislos und aggressiv große Teile der Öffentlichkeit auf Darstellungen weiblicher Gewalt reagieren. 1992 stellte sie zufälligen Straßenpassantinnen die Frage: „Haben Sie einen Feind?" Heraus kamen 14 Fotoportraits und 14 Geständnisse, wie z.B. dieses:

„Mein Feind sind alle, die kleine Kinder missbrauchen. Erst würde ich mit ihnen reden, und wenn sie nicht verstehen, würde ich sie einfach totschlagen. Ich war zwischen 6 und 13 dran. Mein Vater und Nachbarn."

Im September 1992 stellte Bettina Flitner die Portraits in der Kölner Schildergasse aus. Ihr Dokumentarfilm „Mein Feind" zeigt eindrücklich die heftigen Reaktionen, die die „Rächerinnen" hervorriefen.(8)

Mädchen und Frauen sind also nicht nur Opfer, sie sind nicht von Natur aus friedfertig und auch nicht die besseren Menschen. Sie werden zu Täterinnen, indem sie sich gegen ihnen zugefügte Verletzungen und Erniedrigungen wehren, genauso wie sie als Inhaberinnen von Machtpositionen Täterinnen (z.B. im Kontext rassistischer Gewalt) sind.(9)

In den letzten Jahren waren im Kino zunehmend Filme zu sehen, in denen Mädchen und Frauen aus den unterschiedlichsten Gründen gewalttätig wurden. 1992 richtete die FrauenFilmInitiative Wien ein ganzes Filmfestival unter dem Motto „Mörderinnen" aus. Ihr Ziel war es, die Darstellung und Wahrnehmung von Mörderinnen sowohl in der Kunst als auch in der Realität zu analysieren und in Frage zu stellen.

„Sie erschießen, vergiften, erstechen oder erschlagen ihre Opfer und überschreiten damit eine Grenze, entziehen sich den Traditionen der Weiblichkeit, den Traditionen von Sanftmut, Friedfertigkeit und Unterwerfung. Zumindest auf der Kinoleinwand... Während in der Realität der Weg, den Frauen sich „freischießen", meist in die Zelle führt, bietet sich im Kino die Möglichkeit, Phantasien auszuleben, die Frauen aus dem Opferstatus befreien und sich als aktiv handelnd erleben lassen. ... Von der Dämonisierung und Pathologisierung über Verständnis und Mitgefühl bis zur Heroisierung oder einer radikalen Neubewertung von Verbrechen reichen die Sichtweisen der Regisseurinnen und Regisseure der hier vorgestellten Filme."(10)

Die in Wien vorgestellten Filme zählen ebenso wie die neueren Produktionen „Burning Life", „Fun - Mordsspaß" und „Heavenly Creatures" zu den Kinofilmen, die in ihrer Unterschiedlichkeit dazu beitragen, den Mythos von hilflosen, friedfertigen Mädchen und Frauen zu demontieren. Sie sind damit genauso notwendig wie die Darstellung von Jungen und Männern jenseits des Klischees vom „einsamen Wolf", der sich nur auf seine Fäuste, Laserpistolen oder Wunderautos verlassen kann.

Die Sensibilisierung für Geschlechterrollenklischees muss ein selbstverständlicher Bestandteil der öffentlichen Debatte um Gewalt in den Medien werden, ebenso wie die geschlechtsspezifische Rezeptionsforschung und die Forderung nach Rollendarstellungen jenseits konventioneller Rollen-Stereotype.

Isabell Rodde


 

Literatur

(1) Vgl. Kunczik, Michael: Gewalt und Medien, Köln 1994

(2) Vgl. Bange, Dirk: Die dunkle Seite der Kindheit, Köln 1992; Blätter des izBW, Freiburg/Brsg. 2´95; Bericht Deutscher Kinderschutzbund, Bundesverband e.V.Hannover 2´95; Unicef: Zur Situation der Kinder in der Welt, Frankfurt/M. 1995; Nds. Frauennotrufe (Hg.): Aus unserer Sicht. Sexuelle Gewalt gegen Frauen, Hannover 1995

(3) Bundeszentrale für politische Bildung: Zündstoff - Kino der Gewalt, Bonn 1995, S.9

(4) Vgl. Theunert, Helga, Schorb, Bernd: Mordsbilder, Berlin 1995

(5) Fliege:„Meine Ehe war die Hölle", ARD 18.01.95; Peter Strohm, Folge vom 23.05.95

(6) Vgl. Küchenhoff, E.: Die Darstellung der Frau und die Behandlung von Frauenfragen im Fernsehen, Stuttgart 1975; Fröhlich, Romy (Hg.): Der andere Blick, Bochum 1992; Bundeszentrale für politische Bildung: Frauenbilder im Fernsehen, Bonn 1992; Mühlen Achs, Gitta: Bildersturm. Frauen in den Medien, München 1990; Weiderer, Monika: Das Frauen- und Männerbild im Deutschen Fernsehen, Regensburg 1993

(7) GEHRKE, Doris: Interview, Spiegel 46/1995, S.240

(8) Vgl. Flitner, Bettina: Mein Herz. Mein Feind. Mein Denkmal (Fotoband), Köln 1995

(9) Vgl. Mamozai, Martha: Komplizinnen, Reinbek 1990; Thürmer-Rohr, Christina: Vagabundinnen. Feministische Essays, Berlin 1987; Heyne, Claudia: Täterinnen. Offene und versteckte Aggression von Frauen, Zürich 1993; Engel, Monika, Menke, Barbara (Hg.): Weibliche Lebenswelten - gewaltlos? Münster 1995

(10) Frauenfilminitiative: Mörderinnen im Film, Berlin 1992, S.4/5

 

 

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