Sagenumwobene Mistel

Vom Mistelstrauch zum Mistelbrauch

Ein herrlicher Vorwand für einen Kuss: der Mistelstrauch! Wer darunter steht, darf geküsst werden - wer geküsst werden will, stellt sich einfach darunter. Seit Jahrtausenden glauben Menschen an die segensbringende Kraft der Mistel. So wurde sie zum Dach für Versöhnungswillige, die sich den Waffenstillstand erklären oder auch nur einen Streit beilegen wollten. Von daher kommt vermutlich auch der Brauch, sich unter dem Mistelzweig zu küssen oder sich gleich die Ehe zu versprechen.

Die Sage der Mistel

Auch eine Legende rankt sich um die Mistel: Aus Mistelzweigen konstruierte der nordische Gott des Bösen, Loki, eine tödliche Waffe, um den Gott der Sommersonne, Baldur, ermorden zu lassen. Zwar hatte seine Mutter, die Liebesgöttin Frigga, alle Elemente, Tiere und Pflanzen angehalten, ihren Sohn zu schützen, doch die Mistel war ihr entgangen, eine Pflanze, die weder auf noch unter der Erde wächst. Nachdem Balder tödlich getroffen worden war, vermochte allein seine Mutter ihn ins Leben zurückzurufen. Ihre Verzweiflungstränen wurden zu den weißen Beeren des Mistelstrauches, unter dem sie nach geglückter Rettung jeden küsste, der vorüberging.

Der Mistelkult der Kelten

Sicher ist, dass schon die Griechen an die antitoxische Kraft der Mistel glaubten. Auch die Römer verschenkten die Mistel als Glücksbringer zu Neujahr. Besonders bekannt wurde der Mistelbrauch der Kelten. Ihre geheimnisvollen Gelehrten, die Druiden, holten die Misteln in einem aufwändigen Opferritual mit Sicheln von den Bäumen, um daraus Fruchtbarkeits- und Heiltränke zu brauen. Dieses Wissen verdanken wir dem römischen Naturhistoriker Plinius dem Älteren (23-79 n. Chr.), der die Druiden und ihre Riten sehr anschaulich beschreibt. Die prominenteste bildliche Umsetzung seiner Darstellung ist sicherlich der Miraculix-Charakter, der mit seinem Wissen, seiner goldenen Sichel und seinen Misteln ein ums andere Mal das kleine gallische Dorf der Unbeugsamen rettet.

Überzeugende Überlieferung?

Aber wie verlässlich sind die Beobachtungen des Plinius überhaupt? Wie stichhaltig sind die Kelten-Darstellungen anderer berühmter Geschichtsschreiber wie Julius Cäsar und Cicero? Was können wir wirklich wissen über die Kelten, die keine Schriftkultur hatten und uns lediglich aus der Darstellung ihrer römischen Besatzer oder christlicher Mönche bekannt sind?

Umsetzung im Unterricht

So kann der neckische Weihnachtsbrauch Ausgangspunkt für eine historische Forschungsreise werden: Suchen Sie mit ihren Schülerinnen und Schülern nach den Ursprüngen der Mistel- und Druidensaga und beschäftigen Sie sich mit den Opfern der Romanisierung in Europa, die heute eine ständig wachsende Fangemeinde verzeichnen können. Nehmen Sie die Mistel zum Anlass, neben den griechischen und römischen Göttern die nordische Götterwelt zu erkunden und lassen Sie ihre Schülerinnen und Schüler ermitteln, wann und warum das Weihnachtsfest in die Zeit der Wintersonnenwende verlegt wurde.

 

Für den Sekundarbereich I geeignete Materialien zur keltischen Kultur und Mythologie sowie zum Mistelbrauch

  • Heiliger Drynemeton & die keltische Religion
    Die dritte der 14 Stationen einer GPS-Tour zu den keltischen Kultstätten der Oberschwäbischen Alpenstraße widmet sich der Darstellung der Religion und des Grab- und Totenkults der Kelten. Hier findet sich auch der Ab druck der Plinius-Quelle zu den keltischen Druiden.

 

Konstruktion und Dekonstruktion des Druidenmythos

  • Druiden im Noricum
    Homepage eines "Druiden des 21. Jahrhunderts" zur Geschichte der Druiden und der keltischen Kultur
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